Vielehe. Zwangsehe. Gleichberechtigung. Islam. Beispiel einer Vermischung von Diskursen.

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Vielehe. Zwangsehe. Gleichberechtigung. Islam. Beispiel einer Vermischung von Diskursen.

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Am Samstag, dem 5. Juli 2008, fand sich auf dem Titel der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) ein großer Artikel mit der Headline: „Türkin warnt vor Rückkehr der Viel-Ehe“. Der Artikel bezieht sich auf die Diskussion um die „Hochzeit ohne Standesamt“. Im Folgenden soll kurz skizziert werden, welche Diskursebenen miteinander koppelt wurden und inwiefern dies ein verzerrtes Bild im Kopf des Rezipienten erzeugt. Dabei soll es nicht darum gehen, arrangierte Ehen unter muslimischen Migranten vom Tisch zu reden – dies ist de facto ein Problem – aber im Gegensatz zur Darstellung ein kulturell geprägtes. Es geht mir darum, aufzuzeigen, dass die religiöse Basis des Islam auf der einen Seite und die kulturell determinierte Praxis auf der anderen im Artikel voneinander getrennt werden müssen, um sauber einer Argumentationsstruktur folgen zu können. Am Anfang der Analyse steht ein Zitat aus dem Artikel:

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Das ist ein schrecklicher Rückschritt in einem Land, das gerade 50 Jahre Gleichberechtigung feiert“, sagte Ates. Der muslimische Glaube erlaube einem Mann vier Ehen, und Zwangsheiraten würden beim Wegfall der standesamtlichen Meldepflicht in jedem Fall erleichtert.“

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Es finden sich in diesem kurzen Ausschnitt bereits mehrere Diskursstränge: muslimischer Glaube [also Islam], [1] Vielehe und [2] Zwangsheiraten und letztlich [3] Gleichberechtigung [die bedroht erscheint].
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Die angeführten Stränge werden miteinander verkoppelt, was den Eindruck erweckt, sie hätten inhaltlich miteinander zu tun. Dies geschieht in unter anderem dadurch, dass „der muslimische Glaube“ mitten mit Satz positioniert ist und die Zwangsheirat diesem durch die Konjunktion „und“ folgt. Eine solche Verkettung führt dazu, dass der Rezipient die Negierung einer Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und das Verheiraten gegen den Willen des weiblichen Parts im Islam legitimiert sieht. Zudem bekommt die Vielehe eine ausgesprochen negative Konnotation zugeschrieben. Somit ergibt sich im Kopf des in diesem Bereich weitgehend ungebildeten Lesers folgendes Bild: Der Islam stehe einem gleichberechtigten Verhältnis zwischen Mann und Frau diametral gegenüber, legitimiere Zwangsehen [also arrangierte Ehen ohne Einverständnis der Frau] und eröffne dem Mann durch die Möglichkeit, bis zu vier Frauen [im logischen Schluss: nach seiner Willkür] zu heiraten, machtvolle Perspektiven, denen er ohne Rücksicht nachkommen kann [und dies zumindest in der massenmedialen Darstellung auch tut]. Die Struktur kann in eine Hierarchie gelegt werden, demnach ließen sich alle genannten negativen Ausprägungen unter die Basis Islam subsumieren. Betrachtet man einen jeden Diskusstrang einzeln und verfolgt diesen zurück zu seiner Basis hin, so stellt sich heraus, dass ein solches Bild des Islam wohl allgegenwärtig in den Medien erscheint, in seinem Kern aber nicht richtig ist. Dies zu entkoppeln, soll in kurzer Ausführung im Folgenden geschehen. Natürlich kann im Rahmen dieser Analyse nicht alles abgedeckt sein, zu umfangreich und Komplex ist die gesamte Thematik. Deshalb soll das Hauptanliegen sein, Denkanstöße zu liefern und den Rezipienten für einen kritischen Umgang mit den hier kritisierten Textstellen [und Medien im Allgemeinen] zu sensibilisieren. Dem kann dann in Eigenarbeit eine weitere Vertiefung folgen.

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Die aus dem kurzen Zeitungsausschnitt isolierten Diskursstränge [1] Vielehe, [2] Zwangsheirat und [3] Gleichberechtigung, werden im Folgenden kurz kommentiert und die Argumentation durch den Verweis auf entsprechende Koranstellen und Hadithe unterstützt.

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[1] Vielehe/Mehrehe

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Der Grundgedanke der Mehrehe im Islam liegt fernab der westlichen Vorstellung eines Liebesnests, in dem der Mann umgeben von Frauen ist und sich wie ein absoluter Herrscher aufführt. Vor dem geschichtlichen Hintergrund der Kriegssituation ist es vielmehr so, dass in diesen Zeiten etliche Männer im Kampf fielen und ihre Frauen allein zurück ließen:

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„Es sollten […] mehrere Frauen (von denen gewiß manche Männer in den zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen umgekommen waren) mit eigenen Räumen im Haushalt eines Mannes wohnen […] um so auch entsprechenden Unterhalt und Schutz zu finden“

[Küng, Hans: Der Islam. München: Piper Verlag 2007, S. 204]

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Jeder Mann, der es finanziell aushalten konnte, hatte die Möglichkeit, bis zu vier Frauen zu ehelichen. Voraussetzung war jedoch, dass er sie gleich [gut] behandelte bzw. für ihre soziale Absicherung sorgte. Bevor dies weiter erläutert wird, soll exemplarisch eine dazu passende Stelle aus dem Koran zitiert werden. Im Folgenden werden zwei Zitate aus der Sure „Die Frauen“ an-Nisâ nach dem arabischen Original in drei unterschiedlichen Übersetzungen einander gegenüber gestellt:


 

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[4:3] „Und wenn ihr fürchtet, sonst den Waisen nicht gerecht werden zu können, nehmt euch als Frauen, was euch gut erscheint, zwei oder drei oder vier. Doch wenn ihr fürchtet, ihnen nicht gerecht werden zu können, heiratet nur eine oder diejenigen, die ihr von Rechts wegen besitzt. Dies schützt euch eher vor Ungerechtigkeit.“

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[Hofmann, Murad Wilfried: Der Koran. Das heilige Buch des Islam. München: Heinrich Hugendobel Verlag 1999]

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 [4:3] „Und wenn ihr fürchtet, die (weiblichen) Waisen nicht gerecht behandeln zu können, so heiratet, was euch an Frauen gut ansteht, zwei, drei, oder vier. Doch wenn ihr fürchtet, sie nicht gleich behandeln zu können, dann (heiratet) eine oder was im Besitz eurer rechten (Hand ist). So könnt ihr am ehesten Ungerechtigkeit vermeiden.“

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[Abu-r-Rida’ Muhammad ibn Ahmad Ibn Rassoul: Al Qur’an Al Karim. Bonn: World Call Islamic Society e. V. 2007]

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[4:3] “Und wenn ihr befürchtet, nicht gerecht hinsichtlich der Waisen zu handeln, dann heiratet, was euch an Frauen gut scheint, [Oder: was an Frauen gut (d. h. erlaubt) für euch ist.] zwei, drei, oder vier. Wenn ihr aber befürchtet, nicht gerecht zu handeln, dann (nur) eine oder was eure rechte Hand besitzt [Dieser Ausdruck bedeutet Sklavinnen oder kriegsgefangene Frauen]. Das ist eher geeignet, daß ihr nicht ungerecht seid.“

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[Der edle Quran und die Übersetzung seiner Bedeutungen in die deutsche Sprache. König-Fahd-Komplex zum Druck vom Quran. Übersetzung: Scheich Abdullah as-Samit, Frank Bubenheim, Dr. Nadeem Elyas]

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Explizit wird hier auf die gerechte Behandlung hingewiesen. „Was euch gut ansteht“ meint in diesem Zusammenhang eine der eigenen Situation angemessene Größe. Um nicht den Frauen gegenüber ungerecht zu werden, sollte es innerhalb dieses Rahmens bleiben. Die Grundidee der Vielehe ist im WAZ-Artikel in der Art der Darstellung verzerrt und damit auch negativ konnotiert. Es werden [insbesondere im Zusammenhang mit Zwangsverheiratung] Bilder im Kopf der Rezipienten geweckt von importierten jungen Mädchen, die verheiratet werden mit Männern, die ihnen unbekannt sind. Der durch die Medien generierte Begriff der Vielehe steht in seiner Darstellung dem eigentlichen Kerngedanken diametral gegenüber – leider hat der WAZ-Artikel [durch die genannte diskursive Kopplung] diese gängigen Bilder übernommen und den Diskurs weiter angeheizt und verfälscht, statt es journalistisch sauber darzulegen [Eine Vielzahl weiterer Dokumente zur Heirat und Ehe sowie zur Scheidung findet sich beispielsweise in der Hadithensammlung von Sahih al-Buhari: Nachrichten und Aussprüche des Propheten Mohammed, S. 326-376. Stuttgart: Reclam, 2006].

[2] Zwangsheirat

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Der Diskurs um die Zwangsehe ist in den Medien allgegenwärtig vertreten und bezieht sich dabei fast automatisch auch immer auf die muslimische Gemeinde. Auch hier ist wieder einmal nicht die Basis beachtet, sondern Religion mit Kultur vermischt worden, so dass ein Großteil der deutschen [nicht islamkundigen] Bevölkerung mit dem Islam auch gleichzeitig die Zwangsehe verbindet. Es handelt sich dabei allerdings vielmehr um eine kulturell determinierte Praxis, um der Tochter einen „passenden“ Partner auszusuchen bzw. schon frühzeitig zu verhindern, dass Unzucht arab.: zina زنا , زناء betrieben wird. An dieser Stelle sollen exemplarisch zwei Zitate herangezogen werden, wie sie in der Sammlung von Sahih al-Buhari zu finden sind.

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Jungfrauen und ältere Frauen dürfen nur mit ihrer   Zustimmung verheiratet werden. Abu Huraira berichtet:

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„Der Prophet (S) sagte: ‚Eine ältere Frau darf nur verheiratet werden, wenn dies mit ihr besprochen wurde. Und eine Jungfrau darf nur verheiratet werden, wenn sie der Heirat zustimmt.’ Jemand fragte ihn: ‚O Gesandter Gottes, wie äußert eine Jungfrau ihre Zustimmung?’ Er erwiderte: ‚Sie gibt dadurch ihr Jawort, daß sie schweigt’“.

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[Sahih al-Buhari: Nachrichten und Aussprüche des Propheten Mohammed, Stuttgart: Reclam 2006. S. 344]

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Wenn ein Mann seine Tochter gegen ihren Willen verheiratet, ist diese Heirat ungültig. Hansa Bint Hidam al Ansariya berichtet:

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„Mein Vater verheiratete mich als ältere Frau gegen meinen Willen. Da ging ich zum Gesandten Gottes (S), und er erklärte die Heirat für ungültig.“

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[Sahih al-Buhari: Nachrichten und Aussprüche des Propheten Mohammed, Stuttgart: Reclam 2006. S. 344]

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Die beiden Überlieferungen der Aussprache des Propheten zeigen deutlich, dass eine Zwangsheirat im Sinne einer Heirat ohne Zustimmung der weiblichen Person absolut ausgeschlossen und damit unislamisch ist. Es gibt eine Vielzahl Hadithe, die sich mit den Themen Heirat, Ehe und Scheidung befassen und einen guten Überblick geben, näheres lässt sich beispielsweise in der Hadithensammlung von Sahih al-Buhari nachlesen [Nachrichten und Aussprüche des Propheten Mohammed, S. 326-376. Stuttgart: Reclam, 2006]. Leider wurde durch die Verbindung der Diskurse „Islam“ und „Zwangsheirat“ eine Kopplung erzeugt, die der diesbezüglich ungebildete Leser übernimmt, ohne sie kritisch zu hinterfragen. Gerade die Verbindung zwischen dem Islam und der Zwangsehe taucht in der [deutschen] Medienberichterstattung zuhauf auf, so dass sich ein verzerrtes Bild der Realität ergibt.

[3] Gleichberechtigung

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Der WAZ-Artikel verweist darauf, dass eine [durch den Islam legitimierte] Vielehe die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau um 50 Jahre zurück würfe. Implizit wird damit auch eine Bedrohung von Werten formuliert, die dem „deutschen Gesellschaftssystem“ immanent sind – also eine Bedrohung aus dem „Außen“ für das „eigene“ [vermeintlich sichere und zu schützende] System. So, wie es formuliert ist, haben die deutschen Frauen für Gleichberechtigung in der Ehe Jahrhunderte lang gekämpft und dies seit nunmehr fünfzig Jahren auch erfolgreich umgesetzt – beispielhaft sei genannt die Versorgung der Frau im Scheidungsfall, um zu verhindern, dass sie durch das soziale Netz fällt und verarmt. Tatsächlich wurden vor einigen Jahrzehnten auch in Deutschland noch Frauen diesbezüglich benachteiligt und fanden keinen Schutz durch das Gesetz.

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Dem gegenüber steht mit dem Islam ein über 1500 Jahre altes System, welches eine genaue Reglementierung beispielsweise für den Themenkomplex „Ehe und Scheidung“ beinhaltet. Dort war es durch die religiöse Basis fest verankert, der Frau auch nach der Scheidung eine Absicherung zu gewährleisten und damit ihre finanzielle Lage und soziale Stellung über die Ehe hinaus langfristig zu sichern, wobei eine erneute Heirat nach einer gewissen Übergangszeit natürlich wieder möglich wird. Es ist ein grober journalistischer Fehler, den Islam generell als Legitimationsinstrument für ein ungleichgewichtiges Verhältnis in der Ehe anzuführen, wenn dieser vor über 1500 Jahren Frauen schon Rechte zugestand, die vor wenigen Jahrzehnten in Deutschland noch hart erkämpft werden mussten. Hier manifestiert sich das Unwissen über die „eigenen“ Defizite, die vielmehr auf das „andere“ transferiert werden, ohne dass der Autor eine kritische Reflektionsleistung erbringt. Zurück zum Gegenstand: Im Zusammenhang mit der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau konstatiert der muslimische Gelehrte Fazlur Rahman:

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„Der Koran hat den Status der Frau in mehrere Richtungen gewaltig verbessert, aber grundlegend ist die Tatsache, daß er der Frau eine voll anerkannte (fully fledged) Persönlichkeit zusprach“

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 [Rahman, Fazlur: Islam. London 1979, S. 38]

Im Gegensatz zur christlichen Darstellung des Sündenfalls in der Urgeschichte ist die Frau eben nicht die Verführerin des Mannes und es gibt auch keine Erbsünde, von daher ist die Frau nicht vom Grund aus bereits mit einer negativen Konnotation versehen [was eine überlegene Stellung des Mannes rechtfertigen würde].

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[7:22] „So verführte er sie trügerisch. Als sie dann von dem Baum gekostet hatten, zeigte sich ihnen ihre Blöße [oder: Schandtaten] offenkundig, und sie begannen, Blätter des (Paradies)gartens auf sich zusammenzuheften. Und ihr Herr rief ihnen zu: ‚Habe Ich euch nicht jenen Baum verboten und euch gesagt: Der Satan ist euch ein deutlicher Feind?’“

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[Der edle Quran und die Übersetzung seiner Bedeutungen in die deutsche Sprache. König-Fahd-Komplex zum Druck vom Quran. Übersetzung: Scheich Abdullah as-Samit, Frank Bubenheim, Dr. Nadeem Elyas]

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Vor dem Hintergrund, dass beide im Sündenfall gleiche Schuld auf sich geladen haben, soll im Folgenden kurz der Gedanke der „Gemeinsamkeit“ weiterverfolgt werden – denn „Gemeinsamkeit“ bedeutet hier in der unverfälschten Basis zugleich ein [gleichwertiges] Miteinanderleben und damit auch gleichberechtigtes Handeln.

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In einem Ausspruch des Propheten heißt es: „Wahrlich die Frauen sind die schaqa’iq (Zwillingsschwestern oder Zwillingshälften) der Männer.“ Die Zwillingsmethaphorik verweist auf eine untrennbare Gemeinsamkeit. Ein Zwilling ist dem andern der gleiche Part – beide sind voreinander folglich zunächst gleich. Im Hinblick auf das Verhalten vor Gott wird darauf verwiesen, dass beide die gleichen religiösen Pflichten haben und daraus den gleichen Lohn erhalten können. Exemplarisch werden zwei Stellen aus der Übersetzung von Hoffman zitiert:

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[33:35] „Wahrlich, die muslimischen Männer und die muslimischen Frauen, die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen, die gehorsamen Männer und die gehorsamen Frauen, die wahrhaftigen Männer und die wahrhaftigen Frauen, die standhaften Männer und die standhaften Frauen, die demütigen Männer und die demütigen Frauen, die Almosen spendenden Männer und die Almosen spendenden Frauen, die fastenden Männer und die fastenden Frauen, die ihre Keuschheit wahrenden Männer und die ihre Keuschheit wahrenden Frauen, die Allahs häufig gedenkenden Männer und gedenkenden Frauen – Allah hat für sie Vergebung und großen Lohn vorgesehen.“

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[Hofmann, Murad Wilfried: Der Koran. Das heilige Buch des Islam. München: Heinrich Hugendobel Verlag 1999]
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[4:124] „Wer aber Rechtes tut, sei es Mann oder Frau, und gläubig ist, jene sollen ins Paradies eingehen und nicht um eine Rille im Dattelkern Unrecht erleiden“

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[Hofmann, Murad Wilfried: Der Koran. Das heilige Buch des Islam. München: Heinrich Hugendobel Verlag 1999]

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Die hier entworfene Basis der absoluten Gleichheit vor Gott soll dem Leser im Hinterkopf bleiben. Es gibt eine Vielzahl an Stellen im Koran, die auf die einzelnen Rollen der Frauen und Männer verweisen – und es gibt auch, um Kritikern gleich vorweg zu gehen, die viel diskutierte Textstelle Sure 4:34. All dies sollte nach Möglichkeit im Kontext gelesen werden. Männer, die Gewalt an Frauen mit einem, aus dem Gesamtzusammenhang gerissenen, Zitat legitimieren wollen, sollten sich die Relationen ansehen. Auf jene kontroverse Offenbarung, [deren Kontext unbedingt mit einzubeziehen ist!] kommen eine Vielzahl von Versen, die jenes relativieren. Eine ausführliche Behandlung dieses sehr spannenden Themas ist zu umfangreich, um der kurzen Analyse gerecht zu werden – daher bitte ich Sie, bei Interesse eigenständig dem Verhältnis zwischen Mann und Frau nachzugehen. Einschlägige Literatur findet sich zum Teil auch im Internet als Download.

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In Hinblick auf den Themenkomplex „Gleichberechtigung“ in diesem Kapitel soll im Folgenden exemplarisch eine Auflistung der [zur damaligen Zeit neuen] Rechte für Frauen angeführt werden, die sie in vorislamischer Zeit nicht hatten. Es waren also Neuerungen, die [im historischen Kontext betrachtet] für die Frauen absolut revolutionär waren. Es wird aus dem Buch „Der Islam“ von Hans Küng zitiert [Küng, Hans: Der Islam. München: Piper Verlag 2007, S. 205]:

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o Die Frau kann im eigenen Namen Eigentum besitzen, und sie braucht daraus nicht zum Unterhalt der Familie beizutragen.

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o Die Frau hat das Recht, ihren Mann bis zu einem Viertel des Eigentums zu beerben.

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o Bei einer drohenden raschen oder willkürlichen Scheidung ist Aufschub, Versöhnung und Vermittlung durch die Familien gefordert.

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o Im Fall der Ehescheidung behält die Frau ihre Mitgift.
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Es wird im Artikel die Gleichberechtigung in Deutschland angesprochen [die hart erkämpft wurde] und nun [in ihrer diskurvisen Verflechtung] durch den Islam bedroht erscheint. Gehen wir einhundert Jahre zurück in der Geschichte  [über eintausend [!] Jahre nach der Koranoffenbarung]. Hatten Frauen vor einhundert Jahren in Deutschland schon jene Rechte, die oben angeführt worden sind [eigener Besitz, finanzielle Absicherung auch nach der Scheidung, etc.]? Hatten Frauen vor einhundert Jahren in Deutschland überhaupt einen rechtlichen Rahmen, der sie beispielsweise vor Ausbeutung und tiefem Fall durch das soziale Netz schützte? Ein genauer Blick auf die Entwicklung des Rechtssystems bezüglich der Rechte von Frauen zeigt auf, dass die angesprochenen rechtlichen Neuerungen durch den Islam auch über eintausend [!] Jahre später noch nicht Einzug gefunden hatten ins [eigene] System. Was die absolute Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau betrifft, die auch heute noch in unserer Gesellschaft anhand von Chancen im Berufsleben, Gehältern etc. kontrovers diskutiert wird und faktisch noch immer nicht realisiert erscheint, bleibt festzuhalten: Das, was „hier“ [im "eigenen" System] vor [vergleichsweise] wenigen Jahren faktisch noch nicht existierte, war „dort“ [im "andern" System] durch den Islam schon weiter entwickelt, als es die Darstellung in der medialen Berichterstattung auch nur annähernd realistisch dem Rezipienten vermittelt.
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Fazit:

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Es wurden drei Themenbereiche ohne kritische (selbst-)Reflektion mit dem Islam in einen Topf geworfen - oder genauer: Es wurden Diskurse miteinander gekoppelt. Das Bindeglied zwischen Ihnen ist der Mensch, der aus einem [anderen] Kulturkreis stammt und Traditionen reproduziert. Das sind jedoch zwei unterschiedliche Bereiche, die getrennt betrachtet werden müssen. Die Basis Islam, so, wie er im Koran formuliert ist und das darüber Liegende, das durch Menschen Gemachte, was im Nachhinein entstanden ist. Hier ist eine scharfe Trennung absolut notwendig, um nicht den Fehler der falschen Stelle zuzuschreiben und damit fälschlicherweise Feindbilder zu generieren.

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Es ging in dieser kurzen Analyse nicht darum, ansteigende Tendenzen zur Mehrehe oder das Problem der Zwangsheirat zu falsifizieren – mit einem wachen Auge ist solches auch in Deutschland nicht zu übersehen und es liegt meiner Arbeit fern, zu beschönigen oder unter den Tisch zu kehren. Mein Anliegen ist es vielmehr, eine Argumentationsstruktur [und die damit verbundene Assoziationskette] aufzudecken und den Leser für einen kritischen Umgang mit Texten im Allgemeinen zu sensibilisieren, um nicht alles unreflektiert in den eigenen Wissensbestand aufzunehmen. Die Medienberichterstattung, insbesondere in Hinblick auf die Generierung von Feindbildern [so wie es in westlichen Medien täglich mit dem Islam geschieht] macht eine solche kritische Betrachtungsweise zwingend erforderlich.

1 Kommentar 30.7.08 02:51, kommentieren